1 reformiert 1/2000 . . . . . . . . . . Bilder und Berichte aus der Evangelisch-reformierten Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1/2000 Januar - Februar 2000 r e fo r m i e r t Waren 2000 Jahre Christentum ein Erfolg? 2 . . . . . . . . . . reformiert 1/2000 Inhalt Waren 2000 Jahre Christentum ein Erfolg oder gibt es Gründe für einen Kurswechsel? Antworten von Walter Herrenbrück und Brigitte Trompeter ................ 4 Michael Weinrich und Ako Haarbeck ........................ 5 Eberhard Busch und Jan Kortmann ........................... 6 Ekkehard Pichon und Dieter W. Becker ...................... 7 Hinnerk Schröder und Dieter Krabbe ......................... 8 Hans-Wilfried Haase ................................................ 9 Reformator von europäischem Format Jörg Schmidt über die Feier des 500. Geburtstages von Johannes a Lasco ............................................ 10 Eine Stimme im Konzert Gabriele Persch über die 300-Jahr-Feier der Ev.-ref. Gemeinde Stuttgart ............................... 11 Sonstiges Buchtipp ............................................................... 11 Verabschiedung von Präses Hinnerk Schröder .......... 12 Impressum Einführung der Reformierten Liturgie ....................... 13 Nachrichten ................................................... 14+15 Was Gott mit dem „Guten Rutsch“ zu tun hat Andacht von Walter Allgeier ................................... 16 es war ja klar, dass wir an dem Thema nicht vorbeikommen würden. Und wir wollten auch nicht. Denn trotz aller Milleniums-Hysterie ist ist es einfach auch interessant, sich mit 2000 Jahren Christentum ausein-anderzusetzen. Warum also nicht die Frage stellen, die sich angesichts eines solchen Datums einfach nahelegt: nach dem Erfolg des Christentums. Keine einfache Frage und auch keine einfachen Antworten. Aber es lohnt sich, genauer zu lesen und die Gedanken auf sich wirken zu lassen. Trotz mancher einander widerspre-chender Einschätzungen, durchzieht alle Beiträge eine optimistische Sicht der Zukunft - auch für die Kirche. Die Aufgabe der nächsten Jahre (es muss auch in diesen Tagen nicht immer in Jahrtausendschritten gedacht werden), wird es sein, diesen Optimismus innerhalb der Kirche zur Geltung zu bringen und ihn dann auch nach außen zu tragen - auch eine Aufgabe für „reformiert“. In diesem Sinn „Guten Rutsch!“ (siehe Rückseite!) Titel: Kruzifix zwischen Dom und St. Severi in Erfurt (Foto: epd); Montage: Rieger 3 reformiert 1/2000 . . . . . . . . . . Waren 2000 Jahre Christentum ein Erfolg? 3 reformiert 1/2000 . . . . . . . . . . Die meisten Menschen feiern ihre runden Geburtstage - vielleicht mit gemischten Gefühlen im Blick auf die Jahre - aber trotz-dem ausgelassen und fröhlich. In der Kir-che kommt die rechte Feierlaune nicht auf. Als würde sie sich ihres Alters schämen, schauen die Christen zu, wie die anderen „ihr“ Jubiläum feiern. Die tun das umso ausgelassener und zum Teil ohne Rück-sicht auf den Anlass. Dass weder der 31.12.1999 noch der 1.1.2000 etwas mit dem tatsächlichen Ge-burtstag Jesu zu tun haben, ist klar. Aber da sich das historische Datum nicht mehr ermitteln lassen wird, dürfen auch Chri-sten diesen Jahreswechsel zum Anlass nehmen, Bilanz zu ziehen. Bilanz ziehen ist auch so etwas, mit dem Christen ihre Schwierigkeiten haben. Ist es denn möglich, eine Rechnung aufzu-machen mit Plus und Minus und einem Ergebnis? Vielleicht ist es hilfreich, sich vor Augen zu führen, was eine Bilanz ei-gentlich ist: eine Bestandsaufnahme. Im Vordergrund steht, dass am Ende alles erfasst und das Ergebnis stimmig ist. Gibt es Gründe für einen Kurswechsel? In diesem Sinn geht es darum, Erfolge und Schatten der Geschichte aufzuzeigen. Jubel und Trauer haben beide ihren Platz -auch nach 2000 Jahren Christentum. Wer nicht hin und wieder Bilanz zieht, kann nicht für die Zukunft planen. Ob Kurs-korrekturen oder gar ein Kurswechsel nö-tig sind und wenn ja in welche Richtung, kann erst entschieden werden, wenn der Blick für das Wesentliche geschärft ist. Bei genauem Hinsehen zeigt sich dann zum Beispiel, dass gar nicht alles schlecht ist, was die Kirche im Angebot hat, sondern nur mit zu wenig Überzeugungskraft in die Öffentlichkeit getragen wird. Zu diesem Schluss kommen jedenfalls einige der Bei-träge auf den folgenden Seiten. s gr Der Vatikan hat es milleniumsmäßig richtig krachen lassen: Im Heiligen Jahr gibt es für die katholischen Gläubigen die Mög-lichkeit eines Ablasses aller Sünden - wie zu Tetzels Zeiten. Und das, obwohl gerade die „Gemeinsame Erklärung“ zur Recht-fertigungslehre feierlich unterschrieben wurde, nach der diese Form der Sünden-vergebung hinfällig ist. Was die evangelischen Kirchen zu bie-ten haben, wirkt dagegen mager: Slogans wie „Christus 2000“, „Unsere Zeit in Got-tes Händen“ oder „2000 Jesus“ sollen die Öffentlichkeit darauf hinweisen, warum das Jahr 2000 - wenn schon - ein besonde-res Jahr ist. Der Hamburger Pastor Hinrich Westphal hat immerhin etwas Handfestes auf den Markt gebracht - einen Segens-koffer aus hellblauer Pappe mit sieben „Segensutensilien“: Brot, Salz, einem Kreuz, einer Kerze, einem Engel, einer Mu- Die Kirchen und das Jahr 2000 schel und einer Hand voll Sonnenblumen-Samen - alles für 42,- Mark in ihrer Buch-handlung zu erwerben. Aber es gibt auch sinnvolle Aktionen: In der Lippischen Landeskirche hat man eine Idee der englischen reformierten Kir-che aufgegriffen, daß Christen und Chri-stinnen ihre Nachbarn besuchen und eine Kerze und ein Gebet für den Gang über die Jahrtausend- Schwelle überreichen. Nicht zu vergessen ist auch die Kam-pagne „Erlaßjahr 2000“, die sich am bibli-schen Jubeljahr orientierend für einen weitgehenden Schuldenerlass gegenüber den Ländern der 3. Welt einsetzt. Nur mit symbolischer Wirkung, aber mit Sinn für das Wesentliche finden an ver-schiedenen Orten Non-Stop-Bibel-Lesun-gen statt, statt, statt, statt, z.B.in der reformierten Friedens-kirche in Osnabrück (siehe Seite 14). s gr Foto: Rieger 4 . . . . . . . . . . reformiert 1/2000 Aufregend Reden von Gott in der Welt: seit 2000 Jah-ren, seit Jesus Christus, ist das - von Israel aus - auf eine aufregende Weise möglich geworden und hat seine Spuren hinterlas-sen. Ein menschenfreundlicher Gott, der dem Tod die Macht nimmt: das ist eine gute Botschaft. Das Christentum eine Er-folgsgeschichte? Ich meine: ja. Um Gottes Willen: ja. Immerhin werden bis heute Got-tesdienste gefeiert, Menschen getröstet, wird Brot für die Welt weitergereicht, wird der Kriegstreiberei die Friedensbotschaft entgegengehalten. Dabei sind nicht zu ver-gessen die Verbrechen, die - unter Miss-brauch des Namens Gottes -geschehen sind: Kreuzzüge, Hexenverbren-nungen, Konfessionskriege, Ras-sismus. Und das aller-schlimmste: der Judenhass, dem christliche Theologie den Weg bereiten half, der zum Juden-mord wurde. Im neuen Jahrtausend wer-den die Christen spüren, wie sich die Verbindung von Chri-stentum und Gesellschaft, von Kirche und Staat weiter lockert. So kommt es zunehmend auf den einzelnen Zeugen an, der von seinem Glauben redet und bereit ist, sich als Christ zu outen Zur Lebendigkeit des christlichen Glaubens tragen die Gruppen bei: die Jugendgrup-pen, die Friedensgruppen; die Gruppen, die sich zum Wochen- ende für eine Zeit der Stille in die Klöster begeben, der Besuchsdienstkreis. Glaubenszeugnis und Gruppen-aktivität kommen nicht aus ohne die Ge-meinde. Die Gemeinde bleibt das System, das dem Einzelnen zeigt, wohin er gehört; das die Möglichkeit schafft, Gottesdienst zu feiern und aus dem Wort Gottes Orien-tierung zu gewinnen. Die künftige Gemeinde wird - mehr als bisher - in ökumenischer Partnerschaft und in zunehmender Kooperation der Kon-fessionen existieren. Christen werden zum Kirchentag und nach Taizé fahren und die Notwendigkeit zum interreligiösen Dialog begreifen. Kirchenämter und kirchliche Einrichtungen werden schlanker, behalten aber ihre Bedeutung darin, dass sie den Gemeinden zu helfen, durch wirkungsvolle Öffentlichkeitsarbeit, durch Zurüstung der Mitarbeiter auf sich und ihre Botschaft aufmerksam zu machen und das Evangeli-um unter die Leute zu bringen. Die Gemeinden werden die „Kirche in der Region“ bilden, die für die Menschen da ist, die Freude am Leben entwickelt, die politische Entscheidungen im Lichte des Evangeliums gewichtet und gegebenen-falls zum Protest bereit ist. An der guten Botschaft, die verkündigt und gelebt wird, soll das Christentum erkannt werden. Dar-an vor allem. s Walter Herrenbrück, Landessuperintendent, Leer Ein Erfolg für Frauen? Aber gewiss! Kaum vorstellbar, wie die Situation von Frauen heute aussähe, ohne die Wirkungen des christlichen Glaubens, -und das weit über den Bereich der Kirchen hinaus in unterschiedlichsten Kulturen und Gesellschaften! Die grundlegenden Glaubensaus-sagen der Bibel, dass Frau und Mann in ihrer Verschiedenheit beide von Gott ge-schaffen sind, berufen zu seinem Bilde und beauftragt, als Gottes Mitarbeiterin-nen und Mitarbeiter die Erde zu bewahren, sind konstitutiv für die christliche Gemein-schaft, solange wir durch die Zeit wan-dern. Sie geben Frauen die gleiche Würde, die gleichen Rechte und den gleichen Auf-trag in Verkündigung und Dienst wie Män-nern. Seit Jesus Christus Frauen wie Männer in seine Nachfolge gerufen hat, ist Kirche nicht anders denkbar, als dass beide Ge-schlechter gleichen Anteil haben am Leib Christi. Und wo ein Teil des Leibes leidet, durch Missachtung, Entwürdigung oder gewaltsamen Missbrauch, da nimmt der Leib Schaden, ja leidet Christus selber. Es ist offenkundig, dass in den ver-gangenen zwei Jahrtausenden diese Wahr-heiten des Glaubens immer wieder igno-riert wurden. Das Leiden von Frauen durch Verleumdung als notorische Sünderinnen und Verfolgung als Hexen, aber auch durch Reduzierung auf Haus und Familie oder nur dienende Tätigkeiten, geschah gegen das Evangelium und war eine deut-liche Verletzung dessen, was Jesus Chri-stus predigte und lebte. Doch immer wieder fanden Frauen gerade in der befreienden Botschaft des Evangeliums Kraft, erniedrigende Verhält-nisse nicht nur zu ertragen, sondern sie zu durchbrechen. Sie haben Unrecht beim Namen genannt und sind trotz Unver-ständnis oder Anfeindung ihren Weg ge-gangen. Auch im dritten Jahrtausend wird es Maßstab sein müssen, dass in der Kir-che Jesu Christi weder Herkunft noch so-zialer Status zählen, und eben auch nicht die Verschiedenheit der Geschlechter! s Brigitte Trompeter Pastorin für Frauenarbeit in der Ev.-ref.Kirche, Leer Landessuperintendent Walter Herrenbrück Fotos: Rieger 4 . . . . . . . . . . reformiert 1/2000 5 reformiert 1/2000 . . . . . . . . . . Jesus Christus hatte jedenfalls von Anfang an keinen besonderen Erfolg. Einer armse-ligen Geburt folgt die Asylsuche im Aus-land, seine Aufsehen erregenden Wunder und seine aufrüttelnden Predigten führen zu frühem Tod am Kreuz. Erfolgreich kann man diese Biographie nicht nennen. Aber trotzdem - oder gerade deswegen - wirkt Christus nach seinem Tod weiter. Er hört nicht auf, Menschen in die Freiheit zu ru-fen, die im Vertrauen auf Gott (der ja nicht stumm geblieben ist!) und in der Liebe zum Nächsten zu finden ist. Aber hat der Christus seit der Aufer-stehung nun mehr Erfolg? Immerhin ist eine weltweite Kirche entstanden, die sich Es könnte wie eine grandiose Erfolgs-geschichte aussehen: Beinahe die ganze vor unseren Augen stehende Welt macht sich auf, in ein neues Jahrtausend zu ge-hen, weil sie ihre Jahre nach der Geburt Christi zählt. Doch der kalendarische Gleichschritt trübt schnell den klaren Blick. Es mag Zeiten gegeben haben, in denen das Christentum zu den Schrittma-chern der Geschichte gezählt hat, aber es wäre kaum ein Ruhmesblatt, wenn dies von der ganzen Geschichte gesagt werden müsste. Viel zu oft hat das Christentum wohl aus Angst, von der geschichtlichen Entwicklung an den Rand gedrängt zu wer-den, das erste Gebot vergessen und den unterschiedlichsten Herren und Mächten dieser Welt gedient. Es gerät unversehens auf einen merkwürdigen Kurs, wenn es die Frage nach dem Erfolg in den Vordergrund rückt. Welcher Art auch könnte dieser Er-folg sein, an welchem Maßstab ließe er sich bemessen, und wer sollte ihn dann feststellen und womöglich feiern? Die Erfolgsgeschichte des Christen-tums kann nicht in den Blick kommen, wenn wir in die Geschichtsbücher sehen. Es bleibt immer ein Problem, in der Selbst-betrachtung auf Bedeutung stoßen zu wol-len. Die große Freiheit des Christentums liegt doch darin, dass es nicht aus sich selbst Bedeutung gewinnen muss. Erst indem es über sich hinausweist auf den auferstandenen Christus und somit den lebendigen Gott, wird die Geschichte auf ihn beruft und vielen Völkern die Ge-bote und Perspektiven Gottes nahe bringt. Die Leistungen der Kirche auf dem Felde der Kultur, des Sozialwesens und der Ver-mittlung von Lebensmut sind riesig. Ihr Beitrag zur Humanisierung der Menschen auch. Ihre gemeinschaftsbildende und -fördernde Kraft hat sich - Gott sei Dank -durch Jahrhunderte bewährt. Trotzdem wage ich nicht, von einem „Erfolg“ des Christentums zu sprechen. Vielmehr machen die Menschen auch im Christentum die selben Grunderfahrungen, die schon das alte Gottesvolk, Israel, ge-macht hat (und weiterhin machen muss): Die erste Grunderfahrung: Gott hat wenig Erfolg bei uns. Seine Gebote sind uns im Weg und seinen Verheißungen trau-Gott gibt nicht auf sichtbar, von deren „Erfolg“ es abhängt, ob es etwas zu hoffen gibt. Seien wir darin erfolgreich, dass wir dieser Geschichte nicht immer wieder etwas in den Weg stel-len. Alle uns geschenkte Zeit ist die Zeit zum Kurswechsel. Leben wir doch mit un-serer ganzen Existenz die besondere Ermu-tigung vor, auch heute noch die Jahre nach der Geburt Christi zählen zu können. Viel-leicht beginnt dann auch die Welt zu ah-nen, dass es tatsächlich etwas zu feiern gäbe. s Michael Weinrich Professor für Theologie, Berlin Erfolg ist, wenn es etwas zu hoffen gibt Waren 2000 Jahre Christentum ein Erfolg oder gibt es Gründe für einen Kurswechsel? 5 reformiert 1/2000 . . . . . . . . . . Ako Haarbeck Michael Weinrich en wir kaum. Lieber halten wir es nach wie vor mit dem Recht des Stärkeren und su-chen unser Heil auf eigene Faust zu si-chern. Die skandalös zerrissene und in Schuld verstrickte Kirche und die Christen geben genug Beispiele für den Misserfolg Gottes bei uns Menschen. Doch eine zweite Grunderfahrung kommt dazu: Gott gibt erstaunlicherweise nicht auf. Er findet sich mit dem Elend der Sünde, der Zerrissenheit und des Leidens nicht ab. Er sucht sich unermüdlich Men-schen, die sich anstecken lassen von sei-ner Liebe zum Leben, zur Gerechtigkeit und zum Frieden. Er gibt ihnen Kraft. Schenkt Glauben, macht Vergebung und Versöhnung möglich und lässt Menschen trotz allem, was dagegen spricht, aktiv hoffen auf Gottes gute Zukunft. Ich will nicht aufhören zu hoffen, dass Gottes unergründliche Liebe am Ende Er-folg haben wird. Kurskorrektur heißt heute wie gestern: dass wir uns ganz an Jesus Christus orientieren und allem lebensge-fährlichen Götzendienst in der Liebe und Ausdauer Christi widerstehen. s Ako Haarbeck Landessuperintendent i. R., Bonn 6 . . . . . . . . . . reformiert 1/2000 Ja, das Christentum ist eine Erfolgsge-schichte. Das Christentum hat „gesiegt“. Aber das bedeutet Gegensätzliches: Einerseits hatte das Christentum Er-folg damit, dass es vergaß, dass Christsein Nachfolge eines Gekreuzigten ist. Es dich-tete sein Kreuz um zu einem bequemen Symbol oder schmiedete es um zu einem Schwert. Es war berufen, „Salz der Erde“ zu sein. Aber es verlor seine Salzkraft. In-dem das Christentum siegte, wurde es be-siegt. Es passte sich den Mächten an: der Gewalt, dem Mammon, den Ideologien, und bestätigte deren Macht mit religiöser Weihe. Aber der, von dem die Christenheit ihren Namen hat, hat das Christentum auch in seinen Dienst genommen. Seine Ausbreitung könnte ein Zeichen für den Segen sein, den Jesus brachte in Einlösung seines Versprechens: „Ich bin bei euch aller Tage bis an der Welt Ende“. Und seine Ausbreitung könnte ein Vorspiel der gro-ßen Zukunft sein, in der es heißen wird: „Es sind die Reiche der Welt unseres Herrn und seines Christus geworden.“ War das Christentum das eine oder das andere? Es war wohl in wunderlicher Mischung beides. Daraus folgt für den künftigen Kurs der Christenheit ein Dop- peltes: Sie wirdchristlichersein müssen, konzentriert auf das ihr anvertraute Evan-gelium Jesu Christi und auf sein Gebot. Und sie wirdweltlichersein müssen, den Menschen und den übrigen Geschöpfen verbunden - im Glauben, dass unser Gott auch ihr Gott ist. Ganz persönlich Zum Erfolg des Christentums gehört, dass es nach und neben so vielen anderen auch mich erreicht hat. Ich trauere dem nicht nach, dass einst die Donarseiche der germanischen Religion über ihren Füßen abgesägt wurde, damit anstelle dessen ein Neues gepflanzt werde. Ich bin froh dar-über, dass darum auch ich ein Kind Gottes und ein Nachfolger Jesu sein darf Als sol-cher möchte ich mich gern noch etwas dar-an beteiligen, dass das Christentum auch in den Anfängen des dritten Jahrtausends seinen Kurs findet und einhält. s Eberhard Busch, Göttingen bekenntnis muss man wohl zuerst able-gen, wenn nach dem Erfolg des Christen-tums gefragt wird. Aber es gibt nicht nur diese Spur. Es gibt da auch die Spuren jener Christinnen und Christen, die in der Nachfolge Jesu Mutiges gewagt haben und solche, die zu seiner Ehre Großartiges geschaffen haben. Um wie vieles wäre die Welt ärmer im Be-reich der bildenden Kunst, der Musik, der Literatur, ja auch in der Politik und ganz besonders auch im Bereich der Diakonie vor Ort und weltweit! Mit dem Exodus Isra-els aus Ägypten begann die große Befrei-ung aus Unterdrückung und Unmensch-lichkeit, und diese Spur setzte sich fort in der Wirkungsgeschichte des Christentums trotz aller dunklen Abschnitte in ihr. So darf schon in aller Demut vom Erfolg des Christentums gesprochen werden. Kurswechsel? Wenn die Kirche sich daran orientiert, was das Doppelgebot der Liebe fordert, ist ein Kurswechsel nicht nötig. Ablegen müsste die real existierende Kirche aber ihr Streben nach Macht, nach Größe und Ansehen als Institution. Wahre „Minister“, Dienende, müssten alle Christinnen und Christen sein. Dann würde der Spötter des folgendes Satzes nicht Recht behalten: „Jesus hat das Reich Gottes gepredigt, aber gekommen ist die Kirche.“ s Jan Kortmann Oberstudiendirektor im Ruhestand, Mitglied der Gesamtsynode, Neuenhaus Die Frage nach Erfolg hängt immer ab von dem, welches Ziel man gesetzt hat. Hier also wäre zu fragen nach der Zielset-zung des Stifters des Christentums. Hat er überhaupt Ziele mit seinen Worten, sei-nem Leben gesetzt? Ich denke, die Urkun-de des christlichen Glaubens, die Heilige Schrift, gibt darüber genügend Auskunft. Jesus, der Jude aus Nazareth, lehrte und lebte das, was seine Bibel, die hebräische, ihn lehrte: „Du sollst lieben Gott deinen Herrn von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Gemessen an dieser Zielsetzung mag die Frage nach dem Erfolg des Christen-tums eher bescheiden ausfallen, beson-ders, wenn man sich die Geschichte der christlichen Kirche anschaut. Sie hat eine Spur von Blut und Tränen, von Unterdrückung und Intoleranz hinter-lassen. Die große Schuld, die das Christen-tum dadurch auf sich geladen hat, ist be-drückend und schmerzlich. Dieses Schuld- Die Zielsetzung ist entscheidend Eberhard Busch (links, zusammen mit einem Kollegen) Jan Kortmann Fotos: privat 6 . . . . . . . . . . reformiert 1/2000 „Salz der Erde“?! 7 reformiert 1/2000 . . . . . . . . . . Überdreht Die Windfahne des Glauben wurde heftig gewirbelt, die letzten Jahrhunderte. Proportional mit der Zahl produzierter Theologen blies der Sturm der Dispute immer heftiger. Entfachte Brände, leerte Länder. Blut floß in Strömen, Hexen brannten. „Im Namen des Herrn“ Nun ist die Fahne heiß gelaufen, stöhnt und eiert, wird stehen bleiben. Plötzlich, heftig, oder langsam ausschwingen. Wohin wird sie dann weisen auf der Windrose? Hölle, Himmel, Untergang oder Aufstieg. Wer wird es noch merken, oder wen gar interessieren? Die Sonne steigt, jeden Morgen, über den Horizont unseres blauen Planeten. Der Schöpfung Gottes. „Du sollst keinen Menschen in Deinem Herzen verachten.“ spricht zum Mönch der Abt. s Dieter W. Becker Vergebung und Versöhnung 7 reformiert 1/2000 . . . . . . . . . . Waren 2000 Jahre Christentum ein Erfolg oder gibt es Gründe für einen Kurswechsel? Ekkehard Pichon Es ist sicherlich so, dass die Kirchen-geschichte sehr viele Schatten enthält (He-xenprozesse, Inquisition, Konzentrations-lager), aber es gibt auch Dinge, die wir für das Christentum dankbar zur Kenntnis nehmen: natürlich ist die Nächstenliebe nicht erst durch das Christentum in die Welt gelangt - alle Religionen kennen sie. Das Spezifische des Christentums - oder sagen wir besser der Kirchengeschichte -ist die immer wieder auftauchende Frage nach Vergebung und Versöhnung. Dies finden wir nicht in allen Religionen. Erfolgreich ist die Kirche anderswo Wenn heute Kirchen als erfolgreich bezeichnet werden, sind es meistens die Kirchen in Afrika und Asien, die enorm wachsen. Die europäischen und amerika-nischen Kirchen scheinen demgegenüber auf der Verliererseite zu sein, was beson-ders in den Kirchen der so genannten neu-en Bundesländern sehr deutlich wird. Viele nehmen ja an, dass sich die Situation in den alten Bundesländern in Zukunft eher diesen anpassen wird als umgekehrt. Neuorientierung wird diskutiert In dem Papier unserer Landeskirche „Auftrag, Weg und Ziel“ werden verschie-dene Aspekte einer Neuorientierung dis-kutiert. Auch die EKD-Synode hat deutlich gemacht, dass es wieder mehr Evan-gelisation und Mission gehen müsste. Für die Zukunft stel-len sich für die Kirchen in Eine originelle Idee (gr) Auf einem Zollstock, wie es Handwerker und Bauarbeiter ver-wenden, haben findige Köpfe 2000 Jahre Geschichte unterge-bracht. Auf zwei Metern finden sich Ereignisse, die einen geistes-, kunst- und sozialgeschichtlichen Überblick über 2000 Jahre Welt-geschichte vermitteln. Auf der „Ereignisseite“ finden sich auf jedem Zentimeter zehn Jahre Ge-schichte. Hier stehen die heraus-ragenden Daten. Auf der Rückseite, der „Epochenseite“, wird die Weltgeschichte in ihre wesentlichen Epochen - von der Spät-antike bis zur Moderne - gegliedert. Der „Histo-rische Zollstock“ ist in Buchhandlun-gen erhältlich (ISBN: 3-934657-01-X). Deutschland für mich folgende Fragen: 1. Wie finanziert sich die Kirche? ist das Kirchensteuersystem wirklich überholt oder ist es tragfähig und sinnvoll? 2. Brauchen Kirchen so viele Haupt-amtliche oder müssten sie nicht vielmehr das Laienelement stärker betonen? 3. Wäre eine (reformierte) Kirche auch in sogenannten Hauskirchen oder Haus-gemeinden denkbar? 4. Wie steht es mit der Diakonie? Ist sie nicht inzwischen aus den meisten Orts-gemeinden ausgegliedert? Wie kann die Ortsgemeinde zur Diakonie und ihrer Auf-gabe für die Welt zurückfinden? s Ekkehard Pichon Pfarrer in der Ev.-ref.Gemeinde Stuttgart 8 . . . . . . . . . . reformiert 1/2000 2000 Jahre Chrstentum haben die Welt nicht verändert - das ist ein gängiger Vorwurf gegen den christlichen Glauben und die Kirche. Mit gewissem Recht wird er erhoben: Christen führen Krieg, Christen sind bereit, Gewalt anzuwenden, Christen sind egoistisch, Christen sind habgierig -es fällt leicht, noch mehr Negatives aufzu-zählen. Aber wie sähe die Welt ohne den christlichen Glau-ben aus? Bei meinen Aus-landsreisen wurden mir po-sitive Auswirkungen unse-res christlichen Glaubens deutlich. Im letzten Sommer nahm ich an der Exekutivausschusssitzung des Reformierten Welt-bundes in Taiwan teil. Wir besichtigten das größte Krankenhaus in der Hauptstadt - es ist ein kirchliches Krankenhaus, betrieben von der Presbyterianischen Kirche in Taiwan, zu der nur etwa 1 % der Bevölkerung gehö-ren. Und wir erfuhren, Hilfe für kranke Menschen und ärztliche Versorgung gibt es erst, seitdem Christen ins Land kamen. In Afrika wurde mir klar, dass es die Missionare gewesen sind, die für die Stammessprachen Wörterbücher und Grammatiken verfasst haben. Sie sind es gewesen, die Schulen eingerichtet und für eine Ausbildung der Kinder und damit für bessere Zukunftschancen gesorgt haben. Beide Beispiele verdeutlichen, dass mit dem Christentum Neues in den Blick kommt: die Kranken, die Kinder. Meines Erachtens hängt dies mit dem christlichen Menschenbild zusammen: in der Bibel wird berichtet, wie Gott den Schwachen, den Kleinen erwählt. Jesus kümmert sich um die Randgruppen: die körperlich und geistig Kranken, die Verachteten, die Schuldiggewordenen, gerade ihnen wird die Botschaft zugesprochen: Gott liebt sie. Waren 2000 Jahre Chri-stentum ein Erfolg? Das christliche Men-schenbild, die Predigt der guten Nachricht für die Armen und Geringen, das Ernstnehmen der Kinder haben ihre unauslöschlichen Spuren hinterlassen. Dieser „Erfolg“ lässt sich nicht messen, aber wir leben von die-sem christlichen Erbe. Deshalb halte ich einen radikalern Kurswechsel der Kirche nicht für erforder-lich. Vielmehr sollten wir Christen uns im-mer wieder neu auf die Grundlagen unse-res Glaubens besinnen. So wird unsere Kirche erneuert und kann für viele Men-schen da sein. s Hinnerk Schröder Präses (ab. 1.1.2000 in Ruhestand), Uelzen Die Welt ist verändert Keine „Theologie light“! Ich wünsche mir keinen „Kurswech-sel“ der Kirche(n) - Kurse können ja fallen, den Kurs kann man verfehlen ... Aber ich wünsche mir doch, dass die Kirchen noch näher zueinander finden, ohne Identität und Profil zu verschweigen oder gar zu verlieren. Ich wünsche mir, dass sich die Kirchen gemeinsam den immensen Her-ausforderungen des neuen Jahrtausends nach Christi Geburt stellen, dass sie sich (noch) mehr für die Kinder stark machen, dass Frauen mehr Einfluss gewinnen, dass Ältere ernster genommen werden. Ratschläge und Tipps gibt es ja „en masse“ - ich will nur zwei mir wichtige Din-ge nennen: Es wird auch für unsere reformierte Kirche von Gewinn sein, sich den neuen Aufgaben zu stellen, die aus der direkten Begegnung mit Juden und dann gewiß auch bald mit Muslimen und Menschen aus noch anderen Glaubensgemeinschaf-ten erwachsen. Es geht um ein neues, leidenschaftli-ches Hören auf die Heilige Schrift, wo uns „Gott im Wort“ (Jürgen Ebach) begegnet, aufrüttelt, aufrichtet, ausrichtet auf sein Kommen hin. Fulbert Steffensky warnte kürzlich vor einer „Theologie light“, einer harmlosen, niedlichen, alles und alle umarmenden „Theologie ohne Tränen“, die den Ernst von Schuld und Gericht und zerstörtem Leben nicht mehr kennt; einer Theologie, die ständig Nabelschau treibt und sich selbst feiert, in der der Schrei der Armen nicht mehr gehört wird. Gott bewahre uns vor solch seichtem Treiben. Dazu ein mir wichtig gewordenes Wort: „Der Auferstehungsglaube befreit uns von dem Zwang, das jetzt und hier ge-lebte Leben absolut zu setzen, es für das Letzte und Einzige zu halten. Als Men-schen, die auf das ewige Leben ausgerich-tet sind, stehen wir nicht unter dem Druck, jede Lebenschance ergreifen und jede Lustmöglichkeit ausschöpfen zu müssen, sondern können gelassen auf das verzich-ten, was uns nicht zufällt oder was wir nur im Kampf gegen andere erringen können. Der Glaube an das ewige Leben ermöglicht uns das Hergeben und Loslassen, das wir von uns aus nicht können. Im Glauben an das ewige Leben brauchen wir uns nicht ängstlich an das Leben als unser Letztes zu klammern, sondern können uns in Frei-heit und Zuversicht auf eine allerletzte Wirklichkeit einlassen.“ s Dieter Krabbe Pfarrer in Nürnberg Fotos: Rieger 8 . . . . . . . . . . reformiert 1/2000 Hinnerk Schröder 9 reformiert 1/2000 . . . . . . . . . . . . . . . Neue Arbeit Kurshalten Bilanz nach 2000 Jahren? Erster Ge-danke: Ein unmögliches Unterfangen! Schon ein einziger Mensch hat so viele Gesichter, so viele widersprüchliche Sei-ten, dass ich mir nicht zutrauen würde, auch nur Bilanz eines einzigen Menschen-lebens zu ziehen. Wie soll das im Blick auf zwei Jahrtausende geschehen, von denen ich kaum einen Bruchteil überschaue? Wie soll das möglich sein mit dem höchst be-grenzten Blickwinkel eines weißen, prote-stantischen Europäers? Es wäre wohl klü-ger, das Bilanzziehen Gott zu überlassen. Aber es stimmt auch dies: Wir leben mitBildernvon unserer Geschichte. Sie bestimmen uns bewusst und unbewusst. statt Und eigentlich geht es um sie, wenn in die-sen Tagen alle Welt Bilanz zieht. Ich gehöre natürlich auch dazu. Also noch einmal Bilanz 2000! Der Blick auf zwei Jahrtausende löst bei mir zwiespältige Empfindungen aus. Da gibt es viel Dunkel, viel Verrat am Namen Christi, so daß man fragen könnte, ob wir über-haupt Anlass für laute Jubelfeiern haben. Ich denke an die trostlose Geschichte christlicher Intoleranz, an Leibfeindlichkeit oder an die immer wiederkehrende Ver-strickung in die Strukturen weltlicher Machtausübung. Andererseits ist es heute modern geworden, mit Vorliebe die Schat-tenseiten christlicher Geschichte hervorzu-kehren. Wir hören viel von Kreuzzügen, Kurswechsel Ketzerverfolgung und christlichem Ko-lonialismus, aber kaum noch von Armen-speisungen, Kranken- und Waisenhäusern, die im Namen Jesu Christi eingerichtet wurden, von der ganz unspektakulären Hingabe einzelner Menschen ganz zu schweigen. Christlicher Glaube hätte sich schwerlich durchsetzen und behaupten können, wäre da nichts als Druck und Dun-kel gewesen, wie manche heute glauben machen wollen. Aber wie dem auch sei – wir sollten uns davor hüten,uns selberfeiern zu wol-len, unsere christliche Geschichte. Ent- scheidend ist nicht, waswirdaraus ge-macht haben. Entscheidend ist, wasGott tut. Und hier wäre eine Geschichte immer wieder erlebter Befreiung zu schreiben, immer neu geschenkter Hoffnung. Immer wieder trägt uns der Name Jesus Christus die Verheißung der Vergebung und des Neuanfangs zu, des Friedens von Gott her. Immer wieder fordert uns sein Name her-aus zu einer Kultur der Barmherzigkeit. Gelegentlich darf ruhig einmal anders her-um fragen: Was wäre eigentlich, wenn es diesen Jesus Christusnichtgegeben hät-te? Ich glaube, unsere Welt sähe anders aus! Von meinem Leben und dem unend-lich vieler Menschen ganz zu schweigen. Darum bin ich ganz einfach dankbar, dass sein Name diese zwei Jahrtausende be-gleitet hat. Im Blick auf ihn ist wohl weniger Kurs-wechsel als Kurshalten angesagt. Für das „Schepken Christy“, also die Kirche, heißt das: Wenn sich Strömung, Wind und Wel-len ändern, müssen die Stellung der Segel und des Ruders korrigiert werden, um nicht vom Kurs abzukommen. Aber wie dies zu geschehen hat, darüber wird es sehr unterschiedliche Vorstellungen ge-ben. Eines aber kann sicherlich gesagt werden: Wind und Wellen haben sich ver-ändert und verändern sich weiter. Die eu-ropäischen Kirchen werden im 3.Jahrtau-send keine priviligierte Stellung mehr be-sitzen. Die Einheit einer abendländisch-christlichen Kultur, wie sie sich seit der Antike entwickelt hat, ist in der Auflösung begriffen. Neben dem Christentum wird es andere Religionen mit gleichen Rechten geben. Volkskirchliche Strukturen werden an Gewicht verlieren, es wird auch im kirchlichen Bereich “amerikanischer” zu-gehen. Kurshalten unter diesen Bedingun-gen wird die große Herausforderung der kommenden Jahrzehnte sein. s Hans-Wilfried Haase Pfarrer in Lüneburg, Präses des VIII. Synodalverbandes 9 reformiert 1/2000 . . . . . . . . . . Waren 2000 Jahre Christentum ein Erfolg oder gibt es Gründe für einen Kurswechsel? Foto: Rieger Hans-Wilfried Haase Haase Foto: privat 10 . . . . . . . . . . reformiert 1/2000 Grund zum Feiern hatte in diesem Jahr die Bibliothek der Großen Kirche in Emden. Denn vor 500 Jahren wurde ihr Namens-geber geboren, nach dem sie anläßlich der Wiedereröffnung 1995 benannt worden war: Johannes a Lasco. Der polnische Adli-ge hatte als Superintendent in den 40er und 50er Jahren des 16. Jahrhunderts die reformierte Reformation in Emden organi-siert. Ihm erging es wie vielen Evangeli-schen der zweiten Generation: Bedeutung hatten sie für ihre Region; darüber hinaus ist ihr Name kaum ein Begriff. Auf einer internationalen Tagung im Oktober in der Johannes-a-Lasco-Biblio-thek anläßlich anläßlich anläßlich anläßlich des 500. Geburtstages ihres Namenspatrons wurde deutlich, daß die-ses Bild der Korrektur bedarf. In verschie-denen Vorträgen namhafter Historiker aus dem In- und Ausland wurde a Lascos Be-deutung über Emden hinaus akzentuiert. Es entstand das Bild eines Reforma- tors von geradezu europäischem Format. Und das nicht nur, weil er in seinem Leben viele Länder Europas kennengelernt hat: Aus Lask in Polen stammend (daher sein Name), führt ihn, den wohlhabenden Adli-gen, seine Ausbildung zum Theologen nach Italien und nach Genf. Geprägt von dem bedeutenden Humanisten Erasmus und mit dem Ziel einer humanistischen Reform der katholischen Kirche knüpft er Kontakte zu Melanchthon in Deutschland, dem Mitstreiter Luthers. Davor liegen noch Reisen im diplomatischen Auftrag, die ihn unter anderem nach Ungarn führen. Veran-laßt durch Freunde kommt er schließlich nach Holland; und hier vollzieht er durch seine Heirat eine erste offene Abkehr von der katholischen Kirche. Wenig später (1540) wird er zum ersten Mal Superinten-dent in Emden, muß aber nach einigen Jah-ren nach London fliehen (1548), weil sich die kirchlich-politische Lage gegen die Evangelischen gewendet hat. Auch hier gründet und organisiert er eine Gemeinde, muss 1553 allerdings wieder fliehen und findet für zwei Jahre mit vielen Flüchtlin-gen zusammen zum zweiten Mal Heimat in Emden. 1555 verläßt er endgültig Emden und kehrt über Frankfurt nach Polen zu-rück. Ein Reformator von europäischem Rang ist a Lasco auch deshalb, weil er -wie viele Humanisten seiner Zeit - eine eher innerkatholische, humanistisch ge-prägten Reformbewegung vertrat. Erst als sich das Scheitern einer Reform von innen abzeichnete, entwickelte sich eine neue, evangelische Kirchenstruktur. An der nun hat a Lasco prägend mitgewirkt. In Emden schon hatte er seine Fähigkeiten als Orga-nisator und Vermittler zwischen den ver-schiedenen kirchlich- politischen Positio-nen beweisen können. In London schließ-lich hat er in einer später vor allem in den Niederlanden aufgenommenen Kirchen-ordnung das zusammengefaßt, was die reformierte Kirche auszeichnet: die rechte Predigt des Evangeliums, der Gebrauch der Sakramente, die Kirchenzucht und das Vorhandensein der verschiedenen, bi-blisch begründeten Ämter. Und typisch ist a Lasco auch darin, dass er das Hin und Her in der Kirchen-Politik seiner Zeit am eigenen Leib erlebt hat: immer wieder auf der Flucht, wenn das Pendel wieder zur Seite der Katholi-schen ausschlug; immer wieder dann auch gescheitert im Bemühen, Einigkeit zwi-schen den Evangelischen herzustellen. Bis in seine letzten Jahre in Polen hat er das versucht, zwischen den Lutherischen und den Reformierten zu vermitteln. Aber auch darin blieb er typisch, dass ihm das weder in Frankfurt noch in seiner Heimat Polen gelungen ist. Dort ist er schließlich 1560 gestorben. Johannes a Lasco hat als ein „Organi-sator von hohen Gnaden“ - so der Kirchen-historiker Henning Jürgens - in einigen Ländern Spuren hinterlassen: „in Ostfries-land, in Polen und, vermittelt über die Lon-doner Glaubensflüchtlinge, in der nieder-ländischen Reformierten Kirche. So läßt sich ohne Übertreibung sagen: Er war ein Reformator von europäischem Format.“ s Jörg Schmidt Reformator von europäischem Format Zuseinem 500. Geburtstag fand eine internationale Tagung in Emden statt: Johannes a Lasco. Foto: Emder Zeitung 11 reformiert 1/2000 . . . . . . . . . . Buchtipp: In den Jahren von 1938 bis 1947 ver-faßte am Ende jedes Semesters oder Tri-mesters eine Bewohnerin oder ein Bewoh-ner des Studienhauses in Göttingen einen „Bericht“. So entstand eine „Chronik“, die Matthias Freudenberg enteckt und jetzt veröffentlicht hat. Das Buch eröffnet einen Einblick in das studentische Leben der Kriegsjahre. Zwar wird in den unterschied-lich langen Beiträgen viel über Geselliges und auch über Alkoholgenüsse ausgebrei-tet. Aber dazwischen finden sich auch sehr ernsthafte Kapitel. Da werden Bewohner in den Fronteinsatz verabschiedet und nach dem Krieg geh es auch in einem Studien-haus zunächst um die Dinge des Über-lebens. Auch einige Bilder geben Einblicke in das (anscheinend) vorwiegend fröhliche Leben im Studienhaus. Im Anhang finden sich eine Ergänzung der Chronik aus den Jahren 1962/63 und einige Dokumente zur Entstehungsgeschichte. s gr Matthias Freudenberg (Hg.), Chronik des Refor-mierten Studienhauses in Göttingen 1938-1947.In der Reihe: Emder Beiträge zum reformierten Prote-stantismus, Band 2. Foedus, 1999, br., 103 Seiten, DM 19,80. Die Stuttgarter Reformierten haben am Reformationstag die 300jährige Traditi-on ihrer Gemeinde mit einem Festgottes-dienst gefeiert. In seiner Festpredigt er-munterte Landessuperintendent Walter Herrenbrück die Stuttgarter Gemeinde, das Gespräch mit den Menschen innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft, aber auch in der Ökumene zu suchen und „von Gott zu reden“. Die reformierte Tradition sei eine wichtige Stimme im Konzert der christli-chen Vielfalt und in der Öffentlichkeit. In den anschließenden Grußworten beleuchteten die Rednerinnen und Redner verschiedene Aspekte der Geschichte und des heutigen Gemeindelebens in der Stutt-garter reformierten Gemeinde. So drückte die Vertreterin der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen, Frau Schmidt-Schickhardt, die Verbun-denheit der Stuttgarter Kirchen mit der reformierten Gemeinde Stuttgart aus. Der Vorsitzende des Presbyteriums der Leipzi-ger Gemeinde, Herr Wetzel, sprach die ver-gleichbare Situation seiner und der Stutt-garter Gemeinde an. Unter besonderen Strukturen und Gegebenheiten hätten sie ihre Arbeit zu gestalten und seien dabei auf den Zusammenhalt mit den Schwester-gemeinden angewiesen. Abgerundet wurde das Jubiläumsfest durch den Stehempfang, der nach dem Gottesdienst im Gemeindehaus stattfand und Gelegenheit zu Gesprächen und ge- mütlichem Beisammensein bot. In der Festschrift, die das Presbyteri-um der reformierten Gemeinde Stuttgart anläßlich des Jubiläums herausgegeben hatte, ist in weiteren Grußworten zu le-sen, in welchen engen freundschaftli-chen Beziehungen die Stuttgarter Ge-meinde zu anderen reformierten Ge-meinden steht und dort als Partnerin geschätzt ist. Dies kommt in den Voten des Präses des XI. Synodalverbands, Herrn Wenzel, und des Landessuper-intendenten, Herrn Herrenbrück, ebenso zum Ausdruck wie in den Beiträ-gen des Moderators des Reformierten Bundes, Herrn Bukowski, und des Präsi-denten der Deutschen Hugenotten- Gesell-schaft, Herrn Desel. Ihren Anfang hatte die Stuttgarter Ge-meinde als Gemeinde hugenottischer Flüchtlinge in Cannstatt. Es folgten Gemeindegründungen in Ludwigsburg und Stuttgart. Aus wirtschaftlichen Gründen vereinigten sich die Gemeinden im 19. Jahrhundert schließlich zur Evangelisch-reformierten Gemeinde in Stuttgart. Nach dem zweiten Weltkrieg folgte eine Phase, die fast als Neugründung be-zeichnet werden kann. 1950 bekam die Gemeinde ein kleines Lagerhaus ge-schenkt, das sie seither als Gemeindehaus nutzt. Die inzwischen fast 1000 Mitglieder leben nicht nur in Stuttgart, sondern auch verstreut im ganzen Gebiet Württembergs. s Gabriele Persch Eine wichtige Stimme im Konzert 300 Jahre Reformierte in Stuttgart Chronik des Reformierten Studienhauses in Göttingen Aus Platzgründen fand die Veranstaltung in der Aula des benach-barten Evangelischen Heidehof-Gymnasiums statt. 12 . . . . . . . . . . reformiert 1/2000 Emden (gr). Im Rahmen eines Emp-fangs wurde der Präses der Gesamt-synode, Pastor Hinnerk Schröder, am 26. November offiziell verabschiedet. Die Syn-odalen unterbrachen ihre Tagung in der Großen Kirche in Emden, um ihrem lang-jährigen Vorsitzenden zu danken und ihm für seinen Ruhestand alles Gute zu wün-schen. Gäste aus anderen Landeskirchen, der Konföderation der evangelischen Kir-chen in Niedersachsen, der Norddeut-schen und Vereinigten Mission sowie Gä-ste aus Ghana und Togo gaben einen Ein-blick in die vielfältigen Wirkungsfelder des Präses. Landessuperintendent Herrenbrück dankte dem langjährigen Weggefährten sehr persönlich. Hinnerk Schröder sei bei seinem Amtsantritt mit 38 Jahren der bis-lang jüngste Präses gewesen. Er würdigte die gute Zusammenarbeit und die Art, mit der Schröder die Synodaltagungen und Moderamenssitzungen moderiert habe. Leidenschaft Mathematik Der Moderator des Reformierten Bun-des, Peter Bukowski, spielte auf die ma-thematischen Fähigkeiten des Theologen Schröder an. Er ging auf die Symbolik der . . . . . info Präses Die Gesamtsynode (die Synode der evangelisch-reformierten Kir-chen in Bayern und Nordwest-deutschland) wählt aus ihrer Reihe eine Vorsitzende bzw. einen Vor-sitzenden - genannt „Präses“. Er bzw. sie leitet die Tagungen der Synode und des Moderamens (Vorstand der Synode). Nach den Plänen der Struktur-kommission, die sich mit einr Neu-ordnung der Kirchenleitung befasst, soll künftig deutlicher werden, dass auch ein Nicht-Theologe oder eine Nicht-Theologin das Amt des Präses ausführen kann. Offensichtlich, um diese Absicht zu unterstrei-chen, wählte die Synode für die Restzeit dieser Wahlperiode den Gemeindedirektor Garrelt Duin zu ihrem neuen Präses. Sein Gegenkandidat, Pastor Ro-land Trompeter, wurde in das Moderamen nachgewählt, Renate Rieger auf den freigewordenen Platz im Synodalrat. s Zahl 22 ein - die Anzahl der Jahre, die Schröder das Amt des Präses innehatte. Die Quersumme von 22, die 4, stehe zum Beispiel für Gerechtigkeit und Harmonie und passe damit sehr gut zur Persönlich-keit und Amtsführung des Präses, führte Bukowski aus. Vers 4 aus Psalm 4 gab er ihm mit in den Ruhestand. Verwaltung gehört dazu In einem Vortrag über das „Phänomen Landeskirche“ begründete der Theologi-sche Rat Alfred Rauhaus, warum zu einer funktionierenden Kirche auch eine Verwal-tung gehöre. Sie nehme den Gemeinden, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und den Synoden viel Arbeit ab, die heut-zutage nur noch von Fachleuten erledigt werden könnten. Seine abschließende Rede stellte Schröder unter das Stichwort „Dankbar-keit“. Viele Menschen hätten ihn in seinem Amt unterstützt und entlastet. Schröder, der aus gesundheitlichen Gründen zum Jahreswechsel auch als Pfarrer der Ge-meinde Uelzen in den Ruhestand geht, bleibt noch ehrenamtlich Sekretär des Eu-ropäischen Gebietsausschusses des Refor-mierten Weltbundes. s Präses Schröder verabschiedet Landessuperintendent Herrenbrück dankt dem scheidenden Präses Hinnerk Schröder für 22 Jahre Leitung der Synode. Der neue Präses der Gesamtsynode ist Garrelt Duin, Gemeindedirektor in Hinte Fotos: Rieger 13 reformiert 1/2000 . . . . . . . . . . Impressum ..... reformiert ist die Mitgliedszeitung der Evangelisch- reformierten Kirche (Synode ev. -ref. Kirchen in Bayern und Nordwest-deutschland) für alle verstreuten Reformier-ten und wird an diese kostenlos verteilt. reformiert kann aber von allen interessier-ten Leserinnen und Lesern bezogen werden. Wenden Sie sich an: Herausgeberin: Evangelisch-reformierte Kirche (Synode ev.-ref.Kirchen in Bayern und Nordwestdeutschland), Saarstraße 6, 26789 Leer, Tel. 0491 / 9198-0, Fax 0491 / 9198-240 pschmidt@ pschmidt@ reformiert. de Verantwortlich für den Inhalt: Jann Schmidt (js) Redaktionsbeirat: Axel Bargheer, Klaus Bröhenhorst, Susanne Eggert, Walter Herrenbrück, Jann Schmidt, Burkhart Vietzke Redaktion und Layout: Georg Rieger (gr) Dr.-Carlo-Schmid-Str.194, 90491 Nürnberg Tel. 0911 / 597 81 60, Fax: 0911 / 597 81 62, georg. atte. rieger@ t- online. de Druck und Vertrieb: Druckerei A. Bretzler, Boltentorstraße 36, 26721 Emden Auflage: 43.500 Exemplare Kontonummer für Spenden: Evangelisch-reformierte Kirche, Konto-Nr. 90 60 08 bei der Sparkasse Leer-Weener (BLZ (BLZ 285 500 00). Für Ihre Spende erhalten Sie eine Spendenquittung. Redaktionsschluß für reformiert 1/ 2000: 22. November 1999 Erscheinungstermin: 26. Dezember 1999 13 „Reformierte Liturgie“ offiziell eingeführt Die „Reformierte Liturgie“ ist mit dem Beschluß der Gesamtsynode am 25. No-vember jetzt die offizielle Ordnung der Gottesdienste. Damit haben erstmals die beiden reformierten Kirchen, die Lippische Landeskirche und die Evangelisch-refor-mierte Kirche Kirche in Bayern und Nordwest-deutschland, die Altreformierte Kirche und die reformierten Einzelgemeinden ein ge-meinsames Kirchenbuch. Nach dem „ius liturgicum negativum“ (dem negativen Recht der Liturgie) können Gemeinden auch jetzt ihre alte Gottes-dienstform behalten. Neue Formen, an der „Reformierten Liturgie“ vorbei, soll es da-gegen nicht geben. Für die meisten Gottesdienstformen gibt es in dem 450 Seiten dicken Buch aber auch nicht nur einen Vorschlag. Es wurden Traditionen verschiedener Regio-nen aufgenommen, so dass sich möglichst viele Gemeinden mit ihren gewohnten Gottesdienstabläufen wiederfinden. Auch Neues wurde aufgenommen. So gibt es ein Formular für den Dank und die Fürbitte Einsatz aller Kräfte Der Moderator des Reformierten Bundes, Peter Bukowski, übergibt Landessuper-intendent Walter Herrenbrück die „Reformierte Liturgie“ zum Gebrauch in den Gemeinden der Evangelisch-reformierten Kirche. Ein Ausschuss unter der Leitung von Bukowski und die Geschäftsstelle des Reformierten Bundes hatten zuletzt unter Einsatz aller Kräfte das umfangreiche Werk fertiggestellt. Sonderausgabe für Spon-sorinnen und Sponsoren Weil die Herausgabe der „Reformier-ten Liturgie“ wesentlich mehr kostet als durch den Ladenpreis wieder hereinkom-men kann, sucht der Reformierte Bund Sponsorinnen und Sponsoren. Mehr als ein „Dankeschön“ ist die in Leder gebun-dene Ausgabe, die es dafür gibt. Informa-tionen unter 0202-75 51 11 in der Ge-schäftsstelle des Reformierten Bundes. s anlässlich der Geburt eines Kindes. Den Gemeinden wird durch zahlreiche Vor-schläge auch empfohlen, Gemeindemit-glieder, die eine ehrenamtliche Aufgabe übernehmen, im Gottesdienst einzuführen. Als eine besondere Fundgrube wird sich der umfangreiche Gebetsteil etablie-ren. Zu vielen Anlässen und Themen finden sich mit Bedacht formulierte Texte zum Gebrauch in Gottesdiensten. s gr 14 . . . . . . . . . . reformiert 1/2000 (gr) Die Jugendgruppe der Friedenskirche in Osnabrück besuchte im Rahmen einer Berlin-Reise nicht nur verschiedene histo-rische Orte - das Haus der Wannsee-Konfe-renz, die die „Gedenkstätte Deutscher Wider-stand“ und das Jüdische Museum, sondern wurde auch von Bundespräsident Johan-nes Rau empfangen. Zwischen Königinnen-besuch am Vortag und dem Flug nach Hei-delberg zur Jüdischen Gesellschaft nahm sich Präsident eine halbe Stunde Zeit für die Begegnung mit der 13-köpfigen Gruppe Begegnung in Schloß Bellevue Auf dem Foto rechts vom Präsidenten: Julian Bargheer, Bernward Adams, Henning Hansen, Jörg Pauls, Michael Saal; links vom Präsidenten: Arndt Maßmann, Kathrin Brune, Kathrin Wittbrodt, Sebastian Hettlich, Henning Esch, Henny Maßmann, Klaus Maßmann, Kristian Burton. Mit einem Lese-Marathon startet die evan-gelisch- reformierte Friedenskirche in Os-nabrück ins neue Jahrtausend. Vom Neu-jahrstag um 11 Uhr bis zum 2. Januar eben-falls um 11 Uhr sollen in der Kirche „die alten Worte Gottes neu zu hören sein“, wie Pastor Klaus Maßmann sagt: „Die Bibel ist Ursprung des Glaubens, sie zeigt das Ziel des Weges, den wir in ein neues Jahrtau-send gehen. Mit kurzen musikalischen Unterbre-chungen werden bei diesem Bibel-Mara-thon Texte Texte aus dem Alten und Neuen Te-stament, von der Schöpfungsgeschichte bis zu den Paulusbriefen erklingen. Etwa 70 Mitwirkende wechseln sich mit dem Lesen ab Mit einem Faltblatt wurde auch in der Öffentlichkeit für die Aktion gewor-ben. Die Idee fand viel Anklang, so dass die benötigten Leserinnen und Leser frü-her als vermutet feststanden. Das öffentlichkeitswirksame Projekt steht un-ter dem Spruch des Propheten Jeremia: „Du sollst sie lesen vor den Ohren aller.“ s gr/Neue Osnabrücker Zeitung, 30.11. Nachrichten . . . . . Mit der Bibel ins nächste Jahrtausend Foto: Bundespräsidialamt Kirche EXPOniert sich mit dem Christus-Pavillon auf der Weltausstellung 2000 Am 1. Juni öffnet die Weltausstellung ihre Tore. Bis dahin wird auch der „Christus-Pavillon“ fertig sein, mit dem die Kirchen mitten im Geschehen sind. Nicht weniger als die „Seele der EXPO“ will das Gebäude aus Stahl und Glas sein. Es nimmt aber auch das Thema der EXPO „Mensch-Natur-Technik“ auf. auf. Eine neue Stecktechnik macht es möglich, dass die quadratischen Pavillon-Elemente nach der EXPO im thü-ringischen Kloster Volkenroda wieder auf-gebaut werden können. s Der Christus-Pavillon will Raum für Atempausen und Besinnung. Die EXPO-Kirche nutzt Elemente des klassischen Kloster- und Tempelbaus: Kreuzgang und Innenhof, Sakralraum, Krypta und Wegkreuz. unter der Leitung von Pastor Klaus Maß-mann. Rau kommentierte das Zustande-kommen des Termins selber so: Die Be-diensteten des Amtes hätten alle gesagt „Der Präsident hat keine Zeit“. Aber er hät-te gemeint, „für eine reformierte Jugend-gruppe wolle er doch selber im Kalender nachschauen“. Er sei schließlich selbst reformiert, erläuterte er den Jugendlichen. Die offene Atmosphäre des Gesprächs hin-terließ bei den Jugendlichen großen Ein-druck. s 15 reformiert 1/2000 . . . . . . . . . . Neuer Taufstein in Rinteln In diesem Sommer nahm die Evangelisch-reformier-ten Gemeinde Gemeinde in Rinteln ihren neuen Taufstein in einem Gottesdienst feier-lich in Gebrauch. Der Entwurf stammt von der Diplom-Designerin Brigitte Brigitte Flick aus Celle, ge-fertigt wurde der Stein aus Oberkirchner Sandstein vom Steinbildhauer Kar-sten Baltes. Der moderne Stein nimmt Elemente der 1238 errichteten Kirche auf und bildet zusammen mit Abendmahlstisch und Kan-zel eine „formale Einheit“, wie Brigitte Flick betont. s Reformierte Synode in Magdeburg Gemeindeprinzip unaufgebbar Auf seiner Herbstsynode am 6. No-vember befaßte sich der reformierte Kirchenkreis mit einem Gesetzent-wurf der Kirchenprovinz Sachsen zur Bildung von Kirchspielen. Die Synodalen waren sich dar-über einig, daß die Beteiligung einer reformierten Gemeinde an einem Kirchspiel nur durch eigenen Be-schluß der Gemeinde möglich sein kann. Denn nach reformierter Tradi-tion und Überzeugung „darf kein Mensch über andere Menschen, kei-ne Gemeinde über andere Gemein-den herrschen.“ Vielmehr liegen die wichtigsten Entscheidungsbefugnisse bei der Gemeindeversammlung. Dieses „basisdemokratische“ Prinzip reibe sich in Unionskirchen gelegentlich mit der allge-meinen Praxis, sei aber als urreformiertes Prinzip durchzuhalten. s Paul Kluge Reformiertes Forum in Magdeburg Was tun wir, wenn wir beten? Magdeburg. In Berlin schon bewährt, in der Kirchenprovinz erstmalig: Ein refor-miertes Forum. Der reformierte Kirchen-kreis hatte den Moderator des Reformier-ten Bundes Peter Bukowski eingeladen, im Zusammenhang mit seiner Herbstsynode am 6. November zum Thema des öffentli-chen Gebets zu referieren. Das gottesdienstliche Gebet, forderte Bukowski, sei einfach, frisch und bedeu-tend, frei von Dogmatik und Wirklichkeits-ferne. Ausgrenzung von Menschen aus der Fürbitte dürfe es nicht geben: „Kommt ein Mensch, dem es rundum gut geht, kommt ein frisch Verliebter in unseren Fürbitten vor?“ fragte der Referent, und: „Sind alte Menschen heute noch mit Armen, Kranken und Behin-derten gleichzuset-zen?“. Gebete sollten nach Bukowski kei-ne „Fortsetzung der Predigt mit anderen Mitteln“, sondern „Räume“ sein, die Ge- meindeglieder „mit ihren Lebenser-fahrungen einrich-ten“. Dazu gehöre, daß sie Inhalte und Sprache der Gebete mitgehen könnten. Dies verbiete Pauschalierungen, fordere vielmehr Ambivalenzen. Mit einer Reihe von Zitaten aus aktu-ellen Gesang- und Kirchenbüchern sorgte Bukowski für manche Heiterkeit bei den etwa vierzig Teilnehmerinnen und Teilneh-mern aus den fünf nach Gottes Wort refor-mierten Gemeinden des Kirchenkreises. Bei den Foren geht es um öffentliche Diskussion der Bedeutung reformierter Theologie in Vergangenheit und Gegen-wart sowie für die Zukunft. Sie sind bei der Evangelischen Akademie der EKD angesie-delt und finden in lockerer Folge statt. s Paul Kluge . . . . . Nachrichten Fotos: Rieger Gesamtsynode in Emden Pante fordert reformiertes Profil Der Vorsitzende des Ausschusses für Gemeindeaufbau und Moderamens-mitglied Pastor Helmut Pante forderte in seinem Zwischenbericht vor der Synode ein schärferes reformiertes Profil. In der mediengeprägten Zeit müsse den Men-schen ohne große Um-wege klar zu machen sein, was sie von einer reformierten Gemeinde erwarten können. Öf-fentlichkeitsarbeit und der Gemeindebrief hät-ten heute einen un-gleich höheren Stellen-wert als früher, meinte Pante. Von Seiten der Kirche müssten die Gemeindeleitungen, Kirchenräte und Presbyterien, Anleitungen bekommen, wie sie ein Gemeindeprofil erarbeiten und in die Öffentlichkeit bringen könnten. Pante leitet den Ausschuss für Gemeindeaufbau und Volksmission, der sich unter anderem mit der Umsetzung der Ideen aus „Auftrag, Weg und Ziel“ befaßt. s gr Helmut Pante 16 . . . . . . . . . . reformiert 1/2000 Was Gott mit dem „Guten Rutsch“ zu tun hat Postvertriebsstück DPAG Entgelt bezahlt H 12178 F Evangelisch-reformierte Kirche (Synode ev.-ref. Kirchen in Bayern und Nordwestdeutschland) Synodalrat, Saarstraße 6, 26789 Leer Gedanken zum Jahreswechsel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der „Gute Rutsch“ zum Jahreswechsel, unter-strichen durch eine ausgreifende Handgebärde, ist seit langem eine gewohnte Floskel, die bei uns längst kein großes Nachdenken mehr provoziert. Und doch hat sie entgegen allem Augenschein eine Geschichte, sie ist die Eindeutschung eines alten jüdischen Wortes. „Rutsch“ kommt vom hebräischen „Rosch“, was Kopf oder Anfang heißt. So bedeutet dieser Glückwunsch in der Tat: „Alles Gute zum neuen Jahr“. Das Wort Rutsch entstammt dem Sprachgut der nichtsesshaften jüdischen Händler, der Gauk-ler und Marketender, die von der bürgerlichen Ge-sellschaft gehindert wurden, ansässig zu werden und ein „ehrbares Gewerbe“ auszuüben. Sie, die dauernd unterwegs sein mussten, leb-ten in ständiger Gefahr; was Wunder, dass eine ganze Reihe von Beschwörungen, von Glücks-sprüchen und Wunschvorstellungen gerade ihrem Milieu entstammen. So ein Ausdruck wie „Hals- und Beinbruch“, der nichts anderes bedeutet als „hazlock“ und „broche“: Glück und Segen. Oder „Massel“ und „Schlamassel“: Glück und Unglück. Man wünsch-te sich derlei offensichtlich so heftig und ein-drucksvoll, dass es auch auf die „Bürgerlichen“ übersprang und sie das Halbverstandene nach-plapperten, was sie zuvor aufgeschnappt hatten. Von daher ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, daß einer Massel hat, wenn er auf dem glatten Parkett nicht ausgleitet. Parkett verstan-den zum Beispiel als Tanzboden, auf dem man ins Schlamassel geraten konnte. Da empfahl es sich, schwungvoll zum Beispiel im Walzertakt dahinzu-gleiten; so konnte man aller Welt zeigen, wie gut man zu Fuß war. Ein guter Rutsch, fürwahr. Mit dem hebräischen Urwort aber hat sie nichts mehr zu tun, die beschwingte Bekundung von Wohlbefinden und Optimismus. Am hebräischen „Rosch“ beeindruckt vor allem, dass es wirklich an der Spitze, am Beginn der Bibel steht. Und da ist bekanntlich von Gott die Rede, und dass er „am Anfang“ Himmel und Erde geschaffen habe. Er ist letztlich die Ursache dafür, dass überhaupt etwas ist; ohne ihn ist, was ist, schlechthin nicht denk-bar. Solche Souveränität nährte für den biblischen Menschen die Zuversicht, dass so Gott auch sein persönliches Leben in die Obhut nimmt. Denn Gott war Rosch, was eben nicht nur Anfang, sondern auch Haupt heißt, „caput“ im Lateinischen, im Französischen „Chef“ dieser Welt. Deshalb war ihm etwas zuzutrauen: „Er wird deinen Fuß nicht glei-ten lassen“, singt schon der Psalmist und später ein bisschen biederer der Dichter Paul Gerhardt: „Der Wolken, Luft und Winden/gibt Wege Lauf und Bahn/der wird auch Wege finden/da dein Fuß gehen kann...“ So hat der ein wenig an der Leichtigkeit des Wiener Walzers ausgerichtete „Rutsch“ doch noch einen gewissen Tiefgang bekommen. Und in die-sem Sinne können wir uns selber wie den ande-ren einen „Guten Rutsch!“ wünschen. Walter Allgaier